Briefmarken-Handbuch
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Lexikon

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Wiedervereinigung
Ich weiß nicht, wie lange man zurückdenken muß, um ein ähnlich weltbewegendes Ereignis zu finden wie die deutsche Wiedervereinigung 1989 / 1990 - falls es das überhaupt gibt.
Die Beendigung jeglicher Kriege der Vergangenheit und der dann jeweils propagierte und gelebte Frieden waren immer die größten Geschenke an die Menschheit. Auch wenn das Geschenke in der Art sind, daß man ihr schenkte, was man ihr vorher geraubt hatte.
Die Wiedervereinigung aber war mehr. Sie erlöste, nicht nur, aber als für Deutschland wohl bedeutendstes Ergebnis, den ab 1945 zwangsweise abgetrennten Teil Deutschlands, die DDR, aus einer nur schwer zu ertragenden Zwangsherrschaft - und veränderte darüber hinaus die weltweiten politischen Realitäten, brachte, zumindest zeitweise, ein wenig mehr Sicherheit.
Das Ereignis wirkte in alle Bereiche unseres Lebens hinein - und hatte ganz besondere Auswirkungen auf "unsere" Philatelie. Manche dieser Änderungen erkannte man sofort, andere wurden "dank" der Vertuschung durch die Briefmarkenlobby noch über Jahre hinweg unter der Decke gehalten.
Offensichtlich war der Zusammenbruch der Sowjetunion, die im Prinzip alle ihre wider die Menschlichkeit annektierten "Satteliten" verlor. Übrig blieb, immer noch groß und mächtig genug, Rußland. Alte Länder lebten wieder auf und brachten eigene Briefmarken heraus. Ebenso zerfiel das "Kunstgebilde" Jugoslawien wieder in seine traditionellen Teilbereiche und aus der Tschechoslowakei wurde Tschechien und die Slowakei.
All das wurde von schwierigsten (macht)politischen Prozessen begleitet: inhuman, kriegerisch, erwartbar, typisch.
Deutschland mit vorher drei voneinander unabhängigen Ausgabegebieten für Briefmarken, der Bundesrepublik Deutschland, Berlin und der DDR, hatte, aus drei mach eins, damit eine ganz besondere, prinzipiell angenehme Aufgabe zu lösen.
Die letzten Briefmarken der DDR wurden am 19. Juni 1990 verausgabt. Im Juli, August, September und Oktober 1990 gab die Deutsche Bundespost als Folge- und Übergangsausgaben insgesamt 22 Briefmarken mit der Inschrift "Deutsche Post" heraus. Eine stach dabei ganz besonders heraus: Die Marke "Internationales Jahr der Alphabetisierung" hatte als Inschrift weiterhin "DDR", durch Wertberichtigung wurde lediglich der Wert auf DM geändert.
Ansonsten verfügte man, daß, nicht nur im sogenannten Verkehrsgebiet Ost (VGO), alle noch (seit 1.1.1964) gültigen DDR-Marken bis 2.10.1990 verwendet werden konnten und dies in willkürlichen Kombinationen mit Bund, Berlin und auch den Marken mit der Inschrift "Deutsche Post".
Für die Übergangszeit wurden für die ehemalige DDR selbstverständlich neue, teilweise günstigere Portostufen geschaffen, die mit dem 02.10.1990 ihre Gültigkeit verloren, teilweise jedoch auch unverständlich teurere..
Das Verkehrsgebiet Ost, VGO genannt, wurde dann kontinuierlich und ausschließlich mit Briefmarken der Deutschen Bundespost versorgt, wobei ein geschenktes MH mit 10 Stück der Freimarkenserie Frauen á DM 1,00 an die "neuen" Bürger den Auftakt machte.
Berliner Briefmarken wurden zu keinem Zeitpunkt an die Postämter des VGO geliefert.
Mit dem 03.10.1990 verloren die DDR-Briefmarken ihre Gültigkeit und es waren dann im VGO nur noch die Briefmarken von Berlin, Bund und die 1990 verausgabten mit der Inschrift "Deutsche Post" verwendbar.
In Berlin wurden am 27. September 1990 die letzten Briefmarken herausgegeben: Eine 3-wertige Wohlfahrtsserie und eine Marke zum 200. Geburtstag des Pädagogen Adolph Diesterweg.
Diese Marken und alle nach dem 01.01.1969 ausgegebenen, sowie die Berliner kleinen und großen Bauwerke aus 12 Jahrhunderten, die Freimarkenserie Brandenburger Tor, sowie die "nach-DDR-lichen" Ausgaben "Deutsche Post" waren nun noch bis zum 31.12.1991 gültig.
Bis zum letztgenannten Termin war ein Umtausch von gültigen Berliner Briefmarken in gültige Bundmarken möglich.
Die Sammler, die schon in den rund 10 Jahren vor der Wiedervereinigung beobachteten, daß die seit 1955 verausgabten Briefmarken wertlose Massenware waren, nahmen diesen Umtausch gerne wahr oder "verklebten" ihre "Sammlung" als Porto. Wie stark dieser Umtausch wahrgenommen wurde, wurde nie bekannt. Er wird aber auf den postfrischen Bereich wohl kaum Auswirkungen haben, zu groß sind die Auflagen jener Zeit.
Mit dem 01.01.1991 wurden die Berliner Briefmarken ungültig, verloren also ihren Frankaturwert - und damit trat für alle zu Tage, daß Standardmarken, das sind alle seit etwa 1955 (und bis heute!) verausgabten Einzelmarken (EZM), ohne Sammlerwert sind. Massenhafte wertlose bunte Papierchen und dazu noch das teure und auch wertlose schrottige Machwerk der "Kartonphilatelie", wie z.B. die Schmuck-FDC, ETB und Artverwandtes.
Man hätte sehen können, nein, sehen müssen, daß dieser Vorgang auch auf den Bund und alle irgendwo auf der Welt verausgabten ABO-EZM übertragbar ist. Aber nein, Bund war ja weiterhin gültig, hatte weiterhin Frankierkraft, war vielleicht doch anders als Berlin?
Ja, aber nur bis 2002!?
Aber, die Briefmarkenlobby hat nicht ohne Grund ihren zweifelhaften Ruf - und reagierte prompt, erwartbar und die Sammler täuschend, indem man z.B. die Katalogpreise unverändert und trügerisch hoch beließ. Es wurde sogar öffentlich kolportiert, daß dies zum Schutz des Handels geschähe, was im Umkehrschluß den Betrug am Sammler offensichtlich machte und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Die Sammler saßen in dieser an sich spannenden Zeit zwischen allen Stühlen. Das Angebot an angeblich oder vermutet Sammelfähigem war einfach zu groß und zu unübersichtlich. Aber es war in der Philatelie wie immer: Das, was nicht beachtet wurde, war bzw. wurde das Interessanteste.
In der Zeit wurde auch mal wieder bewiesen, wie blauäugig und damit manipulierbar wir Sammler sind - und wie gewissenlos die Briefmarkenlobby. Die nämlich lancierte, daß die Dauerserie "Berliner Frauen", man sammelte damals nur postfrisch, knapp wäre (dabei gibt es jeden einzelnen Wert millionenfach!) und die Preise explodierten förmlich. In allen ihren "Organen" wurde das publiziert, die Händler teilten mit, daß sie nur noch wenig im Bestand hätten und der Michel übernahm das natürlich prompt in den nächsten Katalog. Und die Sammler? Die ließen sich "liebend gerne" mal wieder manipulieren - sie sahen "endlich mal wieder eine positive Bewegung im Preissektor" der Philatelie, kauften und ergänzten zu Preisen, die nichts anderes waren als reine Abzocke. Heute notiert der Berliner Frauensatz immer noch mit € 70,-- im Katalog und gutgläubige Sammler kaufen ihn im Briefmarkenhandel nach wie vor für € 20,-- und mehr, während man ihn bei eBay auch schon mal für € 2,50 haben kann.
Ja und so wurde für Hunderttausende Briefmarkensammler in Deutschland, aber darüber hinaus auch für Abermillionen in aller Welt, die Wiedervereinigung ein fragwürdiges und offenbarendes Event mit der niederschmetternden Erkenntnis, philatelistisch lebenslang betrogen worden zu sein, mit großem finanziellen Aufwand wertlose Objekte geschaffen zu haben. Jetzt weiß man, konnte es zumindest wissen, wie es läuft, ist informiert, läßt nicht mehr denken, denkt selbst, macht, was einem selbst gefällt und nützt. Hoffentlich!